Unterricht zu Hause – und was macht der Datenschutz?

12.05.2020

Onlinelernen ist für Lehrende und Lernende das Gebot der Stunde. Die Datenschutzpraktiken beliebter Werkzeuge rufen Hamburger Datenschützer auf den Plan. Digitalbildung-Expertin Marina Weisband plädiert für Pragmatismus und mahnt, die Bildungsgerechtigkeit an erster Stelle zu sehen.

Am 25. März meldet die Hamburger Morgenpost, der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit (HmbBfDI) würde den Schulen in der Hansestadt aus datenschutzrechtlichen Gründen untersagen, für Fernunterricht und Klassenmeetings die Messenger- und Videokonferenz-Software Skype (von Microsoft) zu benutzen. Dies gehe aus der Beantwortung einer Anfrage des „Parentsmagazin Hamburg“ hervor. Dazu zitiert die Morgenpost aus einer Stellungnahme des HmbBfDI, in deren Folge die städtische Schulbehörde die Schulen entsprechend informiert und angewiesen habe.

Tags darauf veröffentlicht der HmbBfDI eine Mitteilung, die das angebliche Verbot des Unterrichts via Skype oder eines anderen Messenger-Dienstes als Falschmeldung bezeichnet und den tatsächlichen Hergang näher erläutert: Im Zuge einer Eingabe seitens einer Schule hätten die Datenschutzbeauftragten und die Schulbehörde erst miteinander und dann die betreffende Schulleitung beraten, die daraufhin eigenständig entschied, „das Skype-Angebot einzustellen und auf andere Lösungen zu setzen“. Zudem betont das HmbBfDI seine „klare Position“, nicht auf Untersagungen und Verbote zu setzen, sondern sich mit der Schul- und Berufsbildungsbehörde abzustimmen und Überzeugungsarbeit zu leisten.

Der Vorfall löste in sozialen Medien, wie Twitter, eine Debatte um datenschutzrechtliche Prinzipien in Phasen längerer Notsituationen aus. Und auch nach den Klarstellungen der Hamburger Datenschützer diskutieren Bildungsakteur*innen weiter über die Kernfragen: Wie angemessen sind Datenschutzvorgaben für Schulen im Allgemeinen und was sollte womöglich für das derzeit vorgeschriebene Onlinelernens im Besonderen gelten? (Längst ist auch eine gesellschaftliche Debatte in Gang, wie weit und wie lange notstandsbedingte Neuregelungen den Datenschutz generell einschränken oder umgehen dürfen.)

„Schulen werden mit der Digitalisierung alleine gelassen“
Ausgangspunkt der Diskussion ist die völlig veränderte Situation für die Schulen durch die komplette Schließung aller Schulen und Bildungseinrichtungen. Auf die hatten sich die Bundesländer vor etwa zweieinhalb Wochen verständigt, um der Ausbreitung des Corona-Virus entgegenzuwirken. Seitdem sind Schulen dazu angehalten, Lehrmaterial, Unterricht und Aufgaben aus der Ferne und für das „Beschulen“ zu Hause anzubieten. Welche Mittel, Wege und Werkzeuge sie dafür wählen, und wie sie insbesondere bei Nutzung digitaler Plattformen und Dienste datenschutzrechtliche Vorgaben und Auflagen berücksichtigen, bleibt Schulleitungen und Lehrkräften überlassen.

Hierin drücke sich nach Ansicht von Bildungsakteur*innen und Branchen-Beobachter*innen ein schon länger bekanntes Problem aus: „Die Schulen werden mit der Digitalisierung seit Jahren weitgehend alleine gelassen“, sagt Marina Weisband im Gespräch mit iRights.info. Auch beim Umsetzen des mehr oder weniger plötzlich notwendigen Onlinelernens, so die Expertin und Beraterin für Digitale Bildung, wären Schulen und Lehrkräfte zu sehr auf sich gestellt und überfordert – nicht nur, aber auch hinsichtlich der Datenschutzpraktiken digitaler Werkzeuge und Plattformen.

Für Weisband sei es momentan viel wichtiger, auf Chancengleichheit zu achten: „Wir erleben momentan eine Herausforderung, die vor allem die Bildungsgerechtigkeit betrifft. Sozial gut gestellte Familien mögen mit dem Onlinelernens technisch und organisatorisch zurecht kommen. Doch Familien mit geringem Haushaltseinkommen können sich das erforderliche Equipment schlicht nicht leisten, sie können also an den Angeboten aus der Ferne nicht teilhaben, können nicht mithalten. Daher sehe ich es als die dringendste Anforderung, dass Werkzeuge eingesetzt werden, die wirklich alle nutzen können, niemanden ausgrenzen.“

Zum Artikel

 

Quelle: iRights Info



 
 
 

© 2020 jugendnetz-berlin.de – Alle Rechte vorbehalten